Hannelore - Erste Liebe
Sie hieß Hannelore und war die Tochter eines Fleischhauers aus einer schwäbischen Kleinstadt.
Dass ich sie kennen lernen durfte verdankte ich meinem Onkel, der mit 53 Jahren den Bund fürs Leben schloss. Er hatte seine Braut eben in dieser Stadt kennen und lieben gelernt.
Hannelore war eine von vielen Verwandten der Braut und sie war die mir zugeteilte Brautführerin. Und sie war schön; sehr schön sogar. Blonde Haare, mit weißen Blumenblüten umkränzt, offene, lachende Augen und ein süßes Grübchen am Kinn. Letzteres ist wohl eines der schönsten Merkmale, die eine Frau haben kann. Um ihren Hals trug sie ein Medaillon, von einem Samtband gehalten, von dem ich mir wünschte, dass eines Tages mein Konterfei drinnen Platz finden möge. Ihre Figur war von schlankem Wuchs und ihre Hände waren so feingliedrig, wie nur die Hände einer Elfe sein können. Hannelore war eine Elfe; und ich mutierte im selben Augenblick, da ich ihrer gewahr wurde, zum Elfenkönig. Sie hatte sicherlich auch Flügel aus reiner Seide, die unter ihrem weißen Kleid verborgen lagen…
Es war der Hochzeitstag von Onkel Willi, als ich sie zum ersten Mal sah. Als ich ihr vorgestellt wurde, fühlte ich, wie mir das Blut in den Kopf stieg, wie meine Knie leicht nachgaben und wie mein munteres Mundwerk, das ich sonst an den Tag legte, auf seltsame Art und Weise sich in eine stille Ergriffenheit zurück zog. Was mein Mund in diesem Augenblick nicht mehr vermochte, übernahmen meine Augen. Sie sprachen in einer leuchtenden Manier von Begeisterung, von unbändiger Freude und von - bis dahin nie gekannten – Gefühlen, die zu benennen mir das Vokabular fehlte. Und das Allerschönste; Hannelore musste es wohl ähnlich ergangen sein. Wir redeten aufeinander ein wie zwei Wasserfälle. Hannelore mit dem Mund und ich eher mit den Augen. Und das war wunderbar so. Schwäbisch ist keine Sprache, es ist Musik ohne Instrumente; es ist himmlischer Klang. Ich, der ich aus dem Badischen kam, und der nie seine enge Heimat verlassen hatte, hörte zum ersten Mal diesen linguistischen Zauber. Es war einfach nur schön; wunderschön.
Wir wichen einander an diesem Tag nicht mehr von der Seite. Wir nahmen die anderen Hochzeitsgäste gar nicht mehr wahr. Es gab nur noch uns beide. Als der Tag sich neigte und der Abschied schon bedrohlich nah war, legte sich eine große Traurigkeit auf unser beider Gemüt. Wir gingen in den Garten, direkt hinter dem Haus und wir versprachen einander zu schreiben. Und in den großen Schulferien würden wir uns ja wieder sehen…
Und wirklich, schon wenige Tage danach kam der erste Brief. Und was für ein Brief. Auf feinstes Büttenpapier mit Tinte geschriebene Worte. Sie sprachen von schönen Dingen, so schön, wie noch nie zuvor jemand mit mir gesprochen hatte. Die Mutter sagte auch immer wieder einmal etwas Liebes oder Schönes; aber das von Hannelore, das war etwas ganz Anderes. Und eine Schrift, wie gemalt, so schön. Das stellte allerdings ein großes Problem für mich dar; denn meine Schrift war eine Beleidigung für das menschliche Auge. Ich gab mir die größtmögliche Mühe, aber das Ergebnis; na ja…
Hannelore schrieb in regelmäßigen Abständen. Woche um Woche ein neuer Brief. Immer auf feinstem Büttenpapier, mit allerschönster Schrift und mit Tinte. So rosarot wie die seidengefütterten Kuverts waren, so rosarot war auch mein Gemüt in jenen Tagen. Ich schwebte auf Wolke sieben, viele, viele Wochen und Monate, bis zu jenem schicksalhaften Tag, als wieder ein Brief der anbetungswürdigen Jungschwäbin kam. Kein feinstes Büttenpapier, keine Schönschrift, keine Tinte, kein rosaseiden gefüttertes Kuvert! Stattdessen normales weißes Papier, ein katastrophales Schriftbild – ähnlich dem meinen – und mit Bleistift geschrieben. Das Kuvert war auch nicht rosafarben seidig gefüttert. Der Inhalt gab mir dann den Rest. Da war die Androhung einer bevorstehenden Hochzeit („…vielleicht geht es und auch einmal so wie Tante Eva und Onkel Willi“), die bei mir das nackte Entsetzen zur Folge hatte. Für eine Heirat fühlte ich mich damals einfach noch nicht reif genug, und der sprichwörtliche Freiheitsdrang den man den Schütze-Geborenen nachsagt, war wohl schon in jungen Jahren bei mir vorhanden. Ich brach den Kontakt zu Hannelore darauf hin sofort ab…
Was damals geschehen war, kann ich heute nur mutmaßen. Die vielen schönen Briefe (…auf feinstem Büttenpapier, usw.) hatte Hannelore nicht selbst geschrieben. Das waren Auftragsarbeiten. Eine Verwandte, eine Angestellte im elterlichen Fleischereibetrieb oder irgendwer sonst. Der letzte, fatale Brief, das war das einzige Original, das ich von Hannelore erhalten hatte. Entweder hatte der „Ghostwriter“ keine Zeit oder keine Lust mehr oder Hannelores Ungeduld hieß sie diesen Brief verfassen. Wie auch immer, es hatte schlimme Folgen: die Welt eines jungen Menschen stürzte ein und ein bis dahin aufgebautes Vertrauen in die holde Weiblichkeit bekam einen argen Knacks!
Ich weiß zwar nicht, was aus Hannelore geworden ist, obwohl ich das schon gerne wüsste, aber ich hoffe sehr, dass sie ein ebenso erfülltes Leben führt wie ich auch. Ich wünsche es ihr von ganzem Herzen.
Wenn ich an jene Zeit zurück denke, an diese erste Begegnung mit einem Gefühl, das man wohl Liebe nennt, so meine ich, dass es wohl ebenso viele Arten von „Liebesgefühlen“ gibt wie Sterne am Himmel. Die einen strahlen hell, die anderen weniger, und manche verglühen auch ganz schnell. Aber eine Welt ohne Sterne wäre um vieles ärmer…
Engelanwärterin Mokka
Wenn ein Kind stirbt, kommt ein Engel geflogen und geleitet es direkt in den Himmel. So geschah es auch am Nachmittag des 14. April, als Monikka über die Straße rannte und von einem Auto, das viel zu schnell gefahren war, überfahren wurde. Monikka war sofort tot. Der Engel Aurelia, der an diesem Tag Dienst hatte, war augenblicklich zur Stelle und nahm Monikka mit.
Im Himmel angekommen, brachte der Engel die kleine Monikka direkt zum Erzengel Michael, dem Leiter der Engelschule. Es ist nämlich so, dass alle Kinder, die in noch jungen Jahren verstorben sind, zu Engeln ausgebildet werden. Das geschieht in drei Abschnitten:
Im ersten Abschnitt ist man ein Engelanwärter. Die erkennt man an den kleinen, grauen Flügeln. Im zweiten Abschnitt ist man – nach bestandener Prüfung – Engelgeselle. Die erkennt man an den großen, grauen Flügeln mit weißen Rändern. Und im dritten Abschnitt kann man zum Meisterengel werden, wenn man die Prüfung bestanden hat. Die erkennt man an den großen, weißen Flügeln.
Es gibt dann noch die gehobene Laufbahn zum Erzengel. Das sind dann die mit den großen, weißen Flügeln mit Goldrand. Das erreichen aber nur ganz wenige, denn die Prüfung dafür ist sehr, sehr schwer.
Als Monikka nun vor dem Erzengel Michael stand – das war einer von denen mit den goldgezackten, großen, weißen Flügeln – da hatte sie gar keine Angst. Im Gegenteil; sie fühlte sich in seiner Nähe wohl geborgen.
„Wie heißt du denn, mein Kind?“, fragte sie der Leiter der Engelschule.
„Mokka“, antwortete Monikka. Dieser Name war die Kurzfassung von Monikka, weil sie als ganz kleines Kind Monikka nicht sagen konnte. Und dass ihr Name mit zwei „k“ geschrieben wurde, hing damit zusammen, dass ihre Mutter eine Bewunderin der spanischen Sängerin Momo war, die mit richtigem Namen Monikka Morales hieß.
„Mokka?“, fragte der Erzengel erstaunt.
„Eigentlich Monikka“, antwortete Mokka und erklärte dem immer noch ungläubig drein schauenden Michael die Entstehung ihres Namens.
„Na gut“, sagte danach der Erzengel, „wenn du möchtest, dann kannst du diesen Namen beibehalten, Engelanwärterin Mokka.“
„Von Herzen gern“, antwortete Mokka.
Und so kam Mokka in die erste Klasse der Engelschule. Dort lernte sie tanzen, singen und musizieren. Und gutes Benehmen. In der Schule wurde größter Wert darauf gelegt, dass man stets höflich und freundlich miteinander umging.
Der Musikunterricht umfasste Flöte, Harfe und Posaune und machte ebenso viel Spaß wie der Tanzunterricht.
Ihre Freizeit konnten die Schüler der Engelschule selber gestalten. Meistens machten sie kleine Ausflüge. Während die richtigen Engel, also die mit den großen, weißen Flügeln, ganz einfach irgendwohin schweben konnten, waren die Engelanwärter auf das „Angelonium“ angewiesen. Mit ihren kleinen, grauen Flügeln wären sie nämlich nicht sehr weit gekommen. Das „Angelonium“ war eine Gondel, die an
einem großen Ballon hing. Mit ihr schwebte Mokka oft in die nähere Umgebung, wie z.B. nach Altocumulus oder nach Altostratus. Eher selten waren die Ausflüge nach Cirrocumulus oder nach Cirrostratus.
Die waren einfach zu weit weg. Überhaupt nicht gern schwebte sie nach Nimbostratus. Dort war es ihr zu dunkel und zu windig. Solche Ausflüge machte Mokka am liebsten mit ihren Klassenkameradinnen Veronika und Martina. Mit ihnen lernte sie auch in ihrer Freizeit.
Der Leiter der Engelschule, Erzengel Michael, hatte ein besonderes Auge auf Mokka geworfen. Er beobachtete mit großer Freude ihre Entwicklung. In der Schule war sie in allen Fächern eine der Besten und ihr Benehmen ließ nichts zu wünschen übrig.
Eines Tages ließ er Engelanwärterin Mokka zu sich rufen.
„Wie ich gehört habe, machst du sehr gute Fortschritte in deiner Ausbildung. Das macht mir große Freude!“ Mit diesen Worten begrüßte er Mokka. Dann fuhr er fort: „Ich habe daher beschlossen, dir eine ganz besondere Aufgabe zu stellen. Ab sofort verleihe ich dir die Fähigkeit, kleinen Kindern, wie du selbst früher einmal eines warst, Träume zu schicken und vorüber die Fähigkeit zu fliegen.“
Mokka hörte ihrem obersten Chef weiterhin gespannt zu.
„Es gibt einen kleinen Jungen unten auf der Erde, der Georg heißt und der sehr krank ist. Er lebt bei seinem Vater, zusammen mit seiner älteren Schwester Astrid. Die Mutter von Georg ist bei seiner Geburt verstorben und Georg vermisst sie sehr. Die Krankheit, die Georg hat, ist sehr schwer und sehr schmerzhaft. Er ist oft traurig und weint sehr viel. Ich werde ihn wohl in nächster Zeit zu uns in die Engelschule holen. Bis dahin musst du einen Weg finden, Georg zu trösten. Willst du diese Aufgabe annehmen und Georg helfen?“
Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, sagte Mokka: „Ja, das will ich gern!“
„Gut – dann soll es so sein!“
Mokka ging sofort an die Arbeit. Sie überlegte, wie sie dem armen Jungen helfen könnte. Da hatte sie eine Idee…
Als Georg – es war nach einem schmerzhaften Tag der Behandlung – am Abend endlich eingeschlafen war, hatte er einen wunderschönen Traum.
Ein kleiner Engel mit kleinen, grauen Flügeln kam zu ihm und fragte ihn, ob er denn Lust auf einen Ausflug hätte.
„Wohin geht der Ausflug?“, fragte Georg den kleinen Engel. „Das wirst du dann schon sehen; lass dich einfach überraschen.“
Dann nahm Mokka den kleinen Patienten auf ihre Arme und ab ging die Reise. Sie stiegen hoch und immer höher. Und je höher die beiden stiegen, umso leichter wurde Georg ums Herz. Er hatte keine Angst mehr und auch keine Schmerzen. Alles war plötzlich so leicht und so einfach. Und dann kam für Georg die große Überraschung. Er flog auf dem Rücken der Engelanwärterin Mokka über eine große, grüne Wiese mit herrlichen Bäumen und Blumen und direkt auf einen Landeplatz zu. Und dort erwartete ihn seine Mutter. Sie saß an einem gedeckten Tisch mit Kakao und Kuchen, zusammen mit Großmutter Herta und Opa Julius, die ebenfalls schon verstorben waren.
Das war eine gelungene Überraschung. Alle umarmten sich und lachten vor Freude. Dann wurde gejausnet, was das Zeug hielt.
Die Freundinnen von Mokka, die Engelanwärterinnen Veronika und Martina waren ebenfalls gekommen und tanzten mit Georg Ringelrein. Georg war einfach nur glücklich.
Als einige Zeit später Mokka zum Aufbruch drängte, fragte Georg, ob er nicht für immer dableiben könnte.
„Das geht nicht“, antwortete Mokka, „da wären Dein Vater und Deine Schwester ja ganz allein auf der Erde und das willst du doch nicht, oder?“
„Nein“, antwortete Georg nach einem kurzen Zögern, „das möchte ich nicht.“
„Siehst du“, sagte Mokka, „aber ich mache dir einen Vorschlag: ich hole dich demnächst wieder ab und dann fliegen wir hierher und besuchen die Mutter und die Großeltern. Würde dir das gefallen?“
„Und wie“, antwortete Georg.
Als Georg am nächsten Morgen in seinem Bettchen erwachte, war er so fröhlich wie schon lange nicht mehr. Nicht, dass er keine Schmerzen mehr hatte; aber irgendwie machten sie ihm nicht mehr so viel aus, wie noch die Tage zuvor. Von seinem Traum hatte er nichts vergessen und er musste immer wieder daran denken. Und daran, dass er bald wieder mit Mokka auf die Reise gehen würde. Dem Vater und der Schwester von Georg fiel auf, dass dieser viel fröhlicher war als sonst und sie bemerkten dies mit großer Freude und Erleichterung. Ebenso die Ärzte und Schwestern im Spital.
Georgs nächtliche Ausflüge zu seinen Lieben wiederholten sich in regelmäßigen Zeitabständen und sie wurden allmählich zu einer lieben Gewohnheit.
Eines Tages ließ Erzengel Michael die Engelanwärterin Mokka zu sich rufen.
„Ich habe dir mit großem Wohlwollen und großer Freude zugesehen, wie du einem sehr kranken Kind die Lebensfreude zurück gegeben hast. Das hast du sehr gut gemacht. Und wenn ich demnächst den kleinen Georg zu uns holen werde, dann wird er ohne Angst zu uns kommen und der Abschied von Vater und Schwester wird ihm nicht gar so schwer fallen. Dann wird es an dir liegen die Zurückgelassenen zu trösten und ich bin mir ganz sicher, dass dir auch dazu etwas Gescheites einfallen wird.“
„Ich werde mir alle Mühe geben“, antwortete Mokka.
Michael lächelte, denn er war überzeugt, dass Mokka auch diese Aufgabe lösen würde und nach dieser erfolgreichen Mission würde er ihr die großen grauen Flügel mit weißen Rändern verleihen und sie zur „Engelgesellin Mokka“ befördern…