Engelanwärterin Mokka
Wenn ein Kind stirbt, kommt ein Engel geflogen und geleitet es direkt in den Himmel. So geschah es auch am Nachmittag des 14. April, als Monikka über die Straße rannte und von einem Auto, das viel zu schnell gefahren war, überfahren wurde. Monikka war sofort tot. Der Engel Aurelia, der an diesem Tag Dienst hatte, war augenblicklich zur Stelle und nahm Monikka mit.
Im Himmel angekommen, brachte der Engel die kleine Monikka direkt zum Erzengel Michael, dem Leiter der Engelschule. Es ist nämlich so, dass alle Kinder, die in noch jungen Jahren verstorben sind, zu Engeln ausgebildet werden. Das geschieht in drei Abschnitten:
Im ersten Abschnitt ist man ein Engelanwärter. Die erkennt man an den kleinen, grauen Flügeln. Im zweiten Abschnitt ist man – nach bestandener Prüfung – Engelgeselle. Die erkennt man an den großen, grauen Flügeln mit weißen Rändern. Und im dritten Abschnitt kann man zum Meisterengel werden, wenn man die Prüfung bestanden hat. Die erkennt man an den großen, weißen Flügeln.
Es gibt dann noch die gehobene Laufbahn zum Erzengel. Das sind dann die mit den großen, weißen Flügeln mit Goldrand. Das erreichen aber nur ganz wenige, denn die Prüfung dafür ist sehr, sehr schwer.
Als Monikka nun vor dem Erzengel Michael stand – das war einer von denen mit den goldgezackten, großen, weißen Flügeln – da hatte sie gar keine Angst. Im Gegenteil; sie fühlte sich in seiner Nähe wohl geborgen.
„Wie heißt du denn, mein Kind?“, fragte sie der Leiter der Engelschule.
„Mokka“, antwortete Monikka. Dieser Name war die Kurzfassung von Monikka, weil sie als ganz kleines Kind Monikka nicht sagen konnte. Und dass ihr Name mit zwei „k“ geschrieben wurde, hing damit zusammen, dass ihre Mutter eine Bewunderin der spanischen Sängerin Momo war, die mit richtigem Namen Monikka Morales hieß.
„Mokka?“, fragte der Erzengel erstaunt.
„Eigentlich Monikka“, antwortete Mokka und erklärte dem immer noch ungläubig drein schauenden Michael die Entstehung ihres Namens.
„Na gut“, sagte danach der Erzengel, „wenn du möchtest, dann kannst du diesen Namen beibehalten, Engelanwärterin Mokka.“
„Von Herzen gern“, antwortete Mokka.
Und so kam Mokka in die erste Klasse der Engelschule. Dort lernte sie tanzen, singen und musizieren. Und gutes Benehmen. In der Schule wurde größter Wert darauf gelegt, dass man stets höflich und freundlich miteinander umging.
Der Musikunterricht umfasste Flöte, Harfe und Posaune und machte ebenso viel Spaß wie der Tanzunterricht.
Ihre Freizeit konnten die Schüler der Engelschule selber gestalten. Meistens machten sie kleine Ausflüge. Während die richtigen Engel, also die mit den großen, weißen Flügeln, ganz einfach irgendwohin schweben konnten, waren die Engelanwärter auf das „Angelonium“ angewiesen. Mit ihren kleinen, grauen Flügeln wären sie nämlich nicht sehr weit gekommen. Das „Angelonium“ war eine Gondel, die an
einem großen Ballon hing. Mit ihr schwebte Mokka oft in die nähere Umgebung, wie z.B. nach Altocumulus oder nach Altostratus. Eher selten waren die Ausflüge nach Cirrocumulus oder nach Cirrostratus.
Die waren einfach zu weit weg. Überhaupt nicht gern schwebte sie nach Nimbostratus. Dort war es ihr zu dunkel und zu windig. Solche Ausflüge machte Mokka am liebsten mit ihren Klassenkameradinnen Veronika und Martina. Mit ihnen lernte sie auch in ihrer Freizeit.
Der Leiter der Engelschule, Erzengel Michael, hatte ein besonderes Auge auf Mokka geworfen. Er beobachtete mit großer Freude ihre Entwicklung. In der Schule war sie in allen Fächern eine der Besten und ihr Benehmen ließ nichts zu wünschen übrig.
Eines Tages ließ er Engelanwärterin Mokka zu sich rufen.
„Wie ich gehört habe, machst du sehr gute Fortschritte in deiner Ausbildung. Das macht mir große Freude!“ Mit diesen Worten begrüßte er Mokka. Dann fuhr er fort: „Ich habe daher beschlossen, dir eine ganz besondere Aufgabe zu stellen. Ab sofort verleihe ich dir die Fähigkeit, kleinen Kindern, wie du selbst früher einmal eines warst, Träume zu schicken und vorüber die Fähigkeit zu fliegen.“
Mokka hörte ihrem obersten Chef weiterhin gespannt zu.
„Es gibt einen kleinen Jungen unten auf der Erde, der Georg heißt und der sehr krank ist. Er lebt bei seinem Vater, zusammen mit seiner älteren Schwester Astrid. Die Mutter von Georg ist bei seiner Geburt verstorben und Georg vermisst sie sehr. Die Krankheit, die Georg hat, ist sehr schwer und sehr schmerzhaft. Er ist oft traurig und weint sehr viel. Ich werde ihn wohl in nächster Zeit zu uns in die Engelschule holen. Bis dahin musst du einen Weg finden, Georg zu trösten. Willst du diese Aufgabe annehmen und Georg helfen?“
Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, sagte Mokka: „Ja, das will ich gern!“
„Gut – dann soll es so sein!“
Mokka ging sofort an die Arbeit. Sie überlegte, wie sie dem armen Jungen helfen könnte. Da hatte sie eine Idee…
Als Georg – es war nach einem schmerzhaften Tag der Behandlung – am Abend endlich eingeschlafen war, hatte er einen wunderschönen Traum.
Ein kleiner Engel mit kleinen, grauen Flügeln kam zu ihm und fragte ihn, ob er denn Lust auf einen Ausflug hätte.
„Wohin geht der Ausflug?“, fragte Georg den kleinen Engel. „Das wirst du dann schon sehen; lass dich einfach überraschen.“
Dann nahm Mokka den kleinen Patienten auf ihre Arme und ab ging die Reise. Sie stiegen hoch und immer höher. Und je höher die beiden stiegen, umso leichter wurde Georg ums Herz. Er hatte keine Angst mehr und auch keine Schmerzen. Alles war plötzlich so leicht und so einfach. Und dann kam für Georg die große Überraschung. Er flog auf dem Rücken der Engelanwärterin Mokka über eine große, grüne Wiese mit herrlichen Bäumen und Blumen und direkt auf einen Landeplatz zu. Und dort erwartete ihn seine Mutter. Sie saß an einem gedeckten Tisch mit Kakao und Kuchen, zusammen mit Großmutter Herta und Opa Julius, die ebenfalls schon verstorben waren.
Das war eine gelungene Überraschung. Alle umarmten sich und lachten vor Freude. Dann wurde gejausnet, was das Zeug hielt.
Die Freundinnen von Mokka, die Engelanwärterinnen Veronika und Martina waren ebenfalls gekommen und tanzten mit Georg Ringelrein. Georg war einfach nur glücklich.
Als einige Zeit später Mokka zum Aufbruch drängte, fragte Georg, ob er nicht für immer dableiben könnte.
„Das geht nicht“, antwortete Mokka, „da wären Dein Vater und Deine Schwester ja ganz allein auf der Erde und das willst du doch nicht, oder?“
„Nein“, antwortete Georg nach einem kurzen Zögern, „das möchte ich nicht.“
„Siehst du“, sagte Mokka, „aber ich mache dir einen Vorschlag: ich hole dich demnächst wieder ab und dann fliegen wir hierher und besuchen die Mutter und die Großeltern. Würde dir das gefallen?“
„Und wie“, antwortete Georg.
Als Georg am nächsten Morgen in seinem Bettchen erwachte, war er so fröhlich wie schon lange nicht mehr. Nicht, dass er keine Schmerzen mehr hatte; aber irgendwie machten sie ihm nicht mehr so viel aus, wie noch die Tage zuvor. Von seinem Traum hatte er nichts vergessen und er musste immer wieder daran denken. Und daran, dass er bald wieder mit Mokka auf die Reise gehen würde. Dem Vater und der Schwester von Georg fiel auf, dass dieser viel fröhlicher war als sonst und sie bemerkten dies mit großer Freude und Erleichterung. Ebenso die Ärzte und Schwestern im Spital.
Georgs nächtliche Ausflüge zu seinen Lieben wiederholten sich in regelmäßigen Zeitabständen und sie wurden allmählich zu einer lieben Gewohnheit.
Eines Tages ließ Erzengel Michael die Engelanwärterin Mokka zu sich rufen.
„Ich habe dir mit großem Wohlwollen und großer Freude zugesehen, wie du einem sehr kranken Kind die Lebensfreude zurück gegeben hast. Das hast du sehr gut gemacht. Und wenn ich demnächst den kleinen Georg zu uns holen werde, dann wird er ohne Angst zu uns kommen und der Abschied von Vater und Schwester wird ihm nicht gar so schwer fallen. Dann wird es an dir liegen die Zurückgelassenen zu trösten und ich bin mir ganz sicher, dass dir auch dazu etwas Gescheites einfallen wird.“
„Ich werde mir alle Mühe geben“, antwortete Mokka.
Michael lächelte, denn er war überzeugt, dass Mokka auch diese Aufgabe lösen würde und nach dieser erfolgreichen Mission würde er ihr die großen grauen Flügel mit weißen Rändern verleihen und sie zur „Engelgesellin Mokka“ befördern…
Es war noch finster, als wir vor die Hütte traten. Der Weg von der Hütte weg verlief sofort steilansteigend. Wir hatten uns angeseilt, denn die letzten Tage hatte es heftig geschneit und ein ausgetretener Pfad war nicht erkennbar. Schon der Aufstieg zur Hütte hatte sich als schwierig erwiesen, weil durch einige abgegangene Lawinen der Weg ebenfalls nicht erkennbar war. Klemens, der Senior der Truppe hatte sich das Knie verletzt. Er war ausgerutscht und auf eine – dicht unter der Schneedecke verborgene – Steinplatte geschlagen. Das Knie blutete stark und musste verbunden werden. Ein ordentliches Nachtmahl, ein paar Stamperln Schnaps, und der Vorfall war vergessen.
Wir hatten Stirnlampen umgeschnallt, um weniges ein bisschen von den Fußabdrücken unseres Vorgehers im Schnee zu erkennen. Ansonsten zauberte das Mondlicht ein Szenario aus Berg, aus Schnee und aus schemenhaften Gestalten, die wortlos durch die Nacht stapften. Zum Denken war keine Zeit. Man war viel zu sehr damit beschäftigt, nicht auf das Seil des Vordermanns zu steigen und sich dessen Tempo anzupassen. Der Atem ging schwer. Wir waren ja doch auf dem Weg zum Gipfel eines starken Dreitausenders. Die Hütte lag schon sehr hoch, und die Luft war spürbar dünner als unten im Tal. Wobei der Ausgangsort allein schon auf 1600 Metern lag.
Wir kamen gut voran, d.h., die anderen kamen gut voran. Ich nur bedingt, weil zu der Erschwernis des Neuschnees bei mir noch 107 Kilogramm Lebendgewicht hinzukamen, die ich zu schleppen hatte. Unten im Tal kein Problem; aber hier oben...
Bei jedem Schritt, bei dem die anderen „Leichtgewichte“ ca. 15 bis 20 Zentimeter einsanken, sank ich bis zu den Knien im Schnee ein. Und das sehr oft; viel zu oft. Der Tag begann sich über Schnee und Eis zu ergießen; es wurde zusehends heller. Schön war es hier oben. Still, wenn man von den schweren Atemzügen der Männer absah.
Ich musste nun immer öfter stehen bleiben. Meine beiden Kameraden, die mit mir am Seil gingen, hatten Verständnis. Es war ihnen ja nicht entgangen, wie kräfteraubend mein Einsinken in den Schnee war. Ich erwog aufzugeben. Bernd, der wohl konditions-stärkste der Truppe, bot mir an, sich ebenfalls mit einem Seil an mich zu binden, um mich quasi den Berg hinauf zu ziehen. Das lehnte ich vehement ab. So wollte ich den Berg nicht bezwingen. Das würde ja gegen jede Bergsteigerehre stießen. Ich weiß gar nicht, ob es so etwas überhaupt gibt? Aber vermutlich schon...
Unter Aufbietung meiner letzten Kräfte stapfte ich tapfer weiter. Schritt–um–Schritt, Atemzug–um–Atemzug, bis es irgendwann nicht mehr ging. Wenn man in einer solchen Höhe mehr Sauerstoff verbraucht, als der Körper produzieren kann, dann ist das nicht ungefährlich. Daher beschloss ich, den Berg zum Sieger zu erklären und aufzugeben.
Jetzt hatten wir ein Problem: Wer sollte mich beim Abstieg zur Hütte begleiten? Es ist sicherlich nicht lustig, wenn man sich lange Zeit auf eine solche Tour vorbereitet hat, und muss dann – den Gipfel schon fast vor Augen und bei herrlichstem Wetter – umkehren. Das ist schon nicht lustig für den Betroffenen, und noch weniger für den potentiellen Begleiter.
Um eine Diskussion darüber zu vermeiden, brachte ich klar zum Ausdruck, dass ich keinen Begleiter brauche. Hatte ich auch nicht genug Kraft den Berg hinauf zu gehen; hinunter reichte sie allemal. Ich versicherte meinen Kameraden, dass sie mich unbesorgt alleine absteigen lassen könnten. Der Weg war nicht zu verfehlen und ich war guter Dinge. Wir wechselten noch das eine oder andere Wort, und dann trennten wir uns. Ich beneidete meine Kameraden, die dem Gipfel weiter entgegen stiegen. Ich winkte ihnen noch eine Zeit lang nach und dann machte ich mich auf den Rückweg.
Wie hatte ich mich auf diese Tour vorbereitet: Waldlaufen und Nikotinverbot schon einige Wochen zuvor. Und alles umsonst...
Ich musste an Sonni denken. Sonngard, wie sie mit vollem Namen hieß, war meine Ehefrau. Wir waren ein gutes Jahr verheiratet und wir erwarteten unser erstes Kind. In ca. zwei Wochen sollte es soweit sein...
Schritt–für–Schritt stieg ich den Berg hinunter. Die Sonne stand inzwischen schon höher und hatte die Berge in ein sanftes Licht gehüllt.
Mein Gott, in zwei Wochen sollte ich Vater werden…
Wir wussten nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge werden würde. Ich hatte mir ein Mädchen gewünscht; Sonni war es egal. Hauptsache gesund. Das war natürlich auch meine Meinung; aber das behaupten wohl alle werdenden Eltern.
Um Gottes Willen; was, wenn mir etwas zustößt? Meine Kehle schnürte sich zu und ich fühlte Beklemmung aufsteigen. Das Kind käme auf die Welt, und ich hätte es noch nicht einmal gesehen...
Tränen rannen mir über das Gesicht. Das Kind wäre Halbwaise, nur weil sein Vater nicht verzichten wollte...
Aber das stimmte so ja nicht. Ich hatte Sonni sehr wohl angeboten, bei ihr zu bleiben und nicht auf die Bergtour mit zu gehen. Sie hatte aber darauf bestanden, dass ich mit gehe. Sie fühlte sich wohl und Schwangerschaft sei ja schließlich keine Krankheit...
Tränen rannen mir über das Gesicht und ich fühlte alles Elend dieser Welt...
„Lieber Gott, mach, dass ich heil hinunter komme und dass ich meine Sonni gesund wiedersehe. Und beschütze unser Kind!“, begann ich in diesem Augenblick zu beten.
Die Spuren im Schnee, die wir beim Aufstieg hinterlassen hatten, verschwanden hinter einem dichten Schleier von Tränen. Heulkrämpfe schüttelten mich heftig. Ich setzte mich in den Schnee und ließ meinem Seelenzustand freien Lauf...
Nach und nach wurde ich ruhiger. Ich sprach mir Mut zu und die Aussicht, mit Sonni bald wieder vereint zu sein, tat ihr übriges.
Ich stand auf und setzte – mit voller Konzentration – meinen Abstieg fort.
Und mit jedem Schritt wuchs auch meine Zuversicht. Nach einer geraumen Weile vernahm ich plötzlich Musik. Es war Flötenmusik.
Obwohl noch weit entfernt von der Hütte, sah ich schon bald den Künstler. Marcel, der Hüttenwirt, stand vor seiner Hütte und spielte auf einer kleinen Flöte. Er stand zur Bergseite abgewandt, und ließ wunderschöne Töne – wie auf Wolken sanft gebettet – hinunter ins Tal gleiten. Und so konnte er mich nicht herankommen sehen. Er hätte mich wohl auch nicht bemerkt, hätte er seine Musik dem Berg zugewandt gespielt. Er war zu sehr versunken in sein Spiel...
Die Melodie war mir unbekannt; aber sie gefiel mir sehr. Sie war für mich wie ein Regenbogen, der mir den Weg nach Hause weist, und von dem ich sicher geleitet werde. Ich rutschte auf ihm zurück ins Leben...
Zwei Wochen später wurde ich Vater eines Mädchens. Stefanie war das schönste Neugeborene auf der Welt. Viel schöner und viel kostbarer als alle Berge dieser Erde zusammen...
Getreu bis in den Tod...
„Wir sind heute hier zusammen gekommen, um
Franz Edelmann die letzte Ehre zu erweisen.“
Mit diesen Worten eröffnete Pastor Krämer die Beerdigungs-zeremonie. Die beiden Schwestern Emma und Hannelore wohnten der Feier bei, denn bei dem Verblichenen handelte es sich um einen Schulkameraden von Emma, der älteren der beiden Schwestern.
Die Trauergemeinde war nicht all zu groß, denn an diesem Tag war es sehr kalt und außerdem lag viel Schnee. Die nächsten Verwandten, die Schulkameraden und Freunde von Franz Edelmann, die Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr, die Feuerwehrkapelle, bei der Vater und Sohn Mitglieder waren, und die „Berufsfriedhofgeher“, d.h. ältere Fräuleins, die damit ihrem täglichen Einerlei eine willkommene Abwechslung gönnten, gaben dem Toten das letzte Geleit.
„Dem Herrn über Leben und Tod hat es gefallen, unseren Bruder Franz viel zu früh zu sich zu nehmen...“
Ja, das stimmte. Franz war erst 23 Jahre alt, als der Unfall passierte. Er war mit dem Traktor umgekippt und von diesem erschlagen worden. Franz war eines von fünf Kindern, und von den Buben war er der älteste. Er war – wie der Vater und davor auch schon der Großvater – in der elterlichen Landwirtschaft tätig. Maria, die Schwester – sie war ein Jahr älter als Franz – half der Mutter im Haus. Sie litt – ebenso wie die Mutter – am stärksten unter dem plötzlichen Verlust. Dem Vater ging es auch sehr nahe; aber er zeigte es nicht so. Das Leben als Bauer ist hart und macht wohl auch den Menschen mit der Zeit hart gegen sich selbst.
„Seine Eltern haben ihn mit viel Liebe groß gezogen und im Kreise der Familie war er zu einem jungen, hübschen und kräftigen Burschen heran gewachsen, dem das Leben offen stand...“
Jung und kräftig? Ja, das stimmte. Aber hübsch oder gar schön. Das fand nun Hannelore etwas stark übertrieben. Zugegeben, man soll Toten nichts Schlechtes nachsagen; aber lügen sollte man auch nicht...
Hannelore hatte bemerkt, dass Emma mit den Tränen kämpfte. Sie hatte volles Verständnis für die Schwester. Wenn man so viele Jahre gemeinsam die Schulbank gedrückt hatte, das schweißte zusammen...
„Und dann kommt der Tag der Ernte. Der Schnitter Tod nimmt seine Sense und fährt über die reife Frucht. Und wir wissen nicht Ort, noch Stunde, wo der Tod seine Ernte einbringt...“
„Etwas sehr geschwollen für meinen Geschmack“, dachte Hannelore still bei sich; aber der Herr Pastor ist halt ein Schwärmer. So zumindest bezeichneten ihn seine Schäfchen im Ort. Und Hannelore war dies schon im Konfirmandenunterricht aufgefallen. Pastor Krämer war ein durch und durch romantischer Mensch und dementsprechend war auch seine Ausdrucksweise.
Aber was war das? Emmas Trauer war mehr geworden. Dicke Tränen rannten ihr über das Gesicht.
„Du lieber Himmel!“, fuhr es Hannelore durch den Kopf, „Emma wird doch nichts mit Karl gehabt haben...“
„Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir im Glauben verhaftet bleiben; gerade jetzt ist der Augenblick, wo wir uns dem Herrn bekennen müssen...“
„Emma und Franz; wer hätte das gedacht...“
Hannelore war entsetzt. Wenn das die Mutter wüsste...
„Lasset uns gemeinsam unseren Glauben bekennen: Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erden...“
„Wie so habe ich das nicht bemerkt; warum hat Emma nie ein Wort darüber gesagt?“
Hannelore schielte zu Emma hinüber und sah in deren verweintes Gesicht. Zu gern hätte sie die Schwester einiges gefragt; aber das ging nicht. Die beiden standen doch sehr nahe beim Grab und ein Tuscheln wäre unweigerlich aufgefallen.
„Wir wollen nun den Leichnam der Erde übergeben. Von Staub bist du gemacht, und zu Staub sollst du wieder werden...“
Die Leichenträger senkten den Sarg behutsam in die Erde, die Feuerwehrkapelle intonierte das „Lied vom guten Kameraden“ und ein allgemeines Schluchzen umrahmte diesen bewegenden Moment.
Auch Hannelore stiegen jetzt die Tränen in die Augen. Der Franz war ja doch noch viel zu jung zum sterben. Aber was machte Emma? Das waren nicht mehr die Tränen einer bloßen Schulkameradin; das waren die Tränen einer Geliebten. Jetzt bedauerte Hannelore die Schwester doch sehr. Gut, sie waren nicht immer einer Meinung und sie stritten sehr viel. Und Emma war eifersüchtig auf Hannelore, weil die Mutter das Nesthäkchen den anderen Geschwistern vorzog; aber dafür konnte Hannelore ja nichts. Und sie fand es auch nicht richtig, dass die Mutter immer auf Emma herumhackte. Aber jetzt brauchte Emma die ganze Liebe und Hilfe der Schwester.
Hannelore wandte sich Emma zu um sie in den Arm zu nehmen. Sie wollte ihr bedeuten, dass sie den Schmerz über den Verlust des Liebsten mit ihr teilte...
Bevor Hannelore Emma auch nur berühren konnte, funkelte diese ihre Schwester mit ihren dunklen Augen an, so, als wolle sie ihr unmissverständlich bedeuten: „Fass mich ja nicht an!“
Nun verstand Hannelore überhaupt nichts mehr. Wie konnte man nur so stur sein? Oder hatte Emma vielleicht Angst, die umstehenden Trauergäste könnten sich einen Reim auf die Reaktion von Emma machen?
„Ja, das wird es sein!“, dachte Hannelore und ließ von Emma ab.
„Gehet nun hin im Frieden des Herrn. Der Herr segne und behüte Euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht auf Euch und schenke Euch seinen Frieden. Amen!“
Die Trauerfeier war zu Ende. Die beiden Schwestern hatten es unterlassen den Hinterbliebenen zu kondolieren. Zumindest Emma. Sie war nach dem „Amen“ des Herrn Pastors fluchtartig davon gestürzt und Hannelore war ihr gefolgt. Das ganze war Emma doch wohl sehr an die Nieren gegangen. Und sie konnte noch nicht einmal darüber reden; mit wem auch?
Mutter hätte sie geohrfeigt und die lieben Geschwister waren nicht wirklich vertrauenswürdig...
Hannelore versuchte Emma auf dem Heimweg anzusprechen:
„Willst du mit mir darüber reden?“, fragte sie Emma behutsam.
„Lass mich in Ruh!“, fauchte Emma die Schwester an. „Lass mich bloß in Ruh!“
Sie waren inzwischen zu Hause angekommen.
Die Mutter sah ihre beiden Mädchen an und sie sah die tränenverquollenen Augen ihrer Tochter Emma, die leise vor sich hin weinte...
„Wie siehst du denn aus?“, fragte sie in einem leicht entsetzen Tonfall.
Emma sah der Mutter ins Gesicht; konnte aber nicht antworten.
Die Mutter fragte abermals; aber immer wenn Emma antworten wollte, war der Hang zum Weinen größer als zum Reden...
Die Mutter wandte sich Hannelore zu um Klarheit zu erhalten:
„Kannst du mir sagen, was mit Emma los ist?“
Nun befand sich Hannelore in einer argen Zwickmühle. Die Schwester nicht verraten, das war eine Sache. Die Mutter anlügen – eine andere.
Außerdem konnte sie dem festen Blick der Mutter nicht lange standhalten.
„Es ist“, begann Hannelore, „es ist“, stotterte sie weiter, „es ist...“
Und bevor sie die unheilvolle Botschaft zu Ende bringen konnte, von welcher Emma bereits einen schlimmen Verdacht hatte, sprach diese – der sorgenträchtigen Schwester zugewandt – mit aller Kraft und schluchzender Stimme:
„Es ist, weil mein linker Schuh ein Loch hat und weil ich seit über einer Stunde eiskalte Füße habe. Und das tut so schrecklich weh, dass ich es gar nicht sagen kann; du blöde Kuh!“
Nun war Emma um einiges leichter.
Und selbst die gestrenge Mutter sah über diesen heftigen Wutausbruch ihrer Tochter hinweg; was normaler Weise nicht geschehen wäre. Sie umarmte ihr Kind, und machte ihr ein heißes Fußbad.
Und das Missverhältnis der beiden Schwestern?
Es würde schon wieder in Ordnung kommen.
Irgendwann...
Der alte Grieche
Mathilde sah in die untergehende Sonne eines vollkommenen Urlaubs-tages. Jetzt war sie schon die zweite Woche auf dieser griechischen In-sel, und es zog sie immer noch am Abend an das Ufer des Meeres, das direkt vor ihrer Bungalowtüre lag. Wo sonst könnte ein Sonnenunter-gang so glanzvoll, so imposant, so unbeschreiblich schön sein, wie am Meer.
Aber was war das? Mathilde bemerkte urplötzlich, dass sie etwas ver-misste. Gerade wollte sie diesen, den Augenblick alles dominierenden, Vorgang eines Sonnenuntergangs gefühlsmäßig auskosten, als sie be-merkte, dass es nicht ging. So sehr sie auch in ihrer Seele herum kramte, sie konnte die Freude nicht finden. Und das Glück, die Zufriedenheit und die Zuversicht waren ebenfalls nicht auffindbar.
„Das ist ja furchtbar“, durchdrang es Mathilde, „das kann doch gar nicht sein. Ich weiß genau, gestern war noch alles da.“ Sie durchsuchte ihre Seele wieder und wieder; aber es half nichts. All diese kostbaren Schätze waren wie in Luft aufgelöst. Eine tiefe Traurigkeit überkam Mathilde. „Wie soll es nur weitergehen ohne Freude, Glück, Zufriedenheit und Zuversicht?“, fragte sie sich, und ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz…
In all ihrer Not fiel ihr die Großmutter ein. Sie hatte zu deren Lebzeiten viele Stunden bei ihr gesessen und hatte ihr zugehört, wenn sie wieder eine ihrer Geschichten erzählte. Damals hatte sie sicher nicht alles verstanden, weil sie ein Kind war, und die Denkweise der Erwachsenen noch weit weg von ihr war. Und als sie erwachsen war, hatte sie das Meiste von damals vergessen, weil die Denk-weise eines Kindes inzwischen auch verkümmert war. Aber eines hatte sie nicht vergessen und das fiel ihr jetzt ein: Für jedes Häslein hat Gott ein Gräslein wachsen lassen, und für jedes Problem gibt es eine Lösung. Und wenn man sie allein nicht findet, dann muss man sich Verstärkung holen. Und der Stärkste und Mächtigste wohnt hoch droben in den Wolken.
Obwohl Mathilde sich in diesem Augenblick an den besagten Spruch der Großmutter erinnerte, half er ihr nicht weiter. Wie sollte sie ihre verloren Schätzte je wiederfinden, wo sie noch nicht einmal wusste, ob sie sie einfach nur verloren hatte oder ob sie ihr gestohlen worden waren.
Mitten in diese Gedanken hinein setze sich eine hager Gestalt mit einem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht. Diese Gestalt hatte sich einfach neben Mathilde gesetzt, ohne um Erlaubnis zu fragen. „Unverschämter Kerl“, dachte Mathilde und sah sich ihren Nachbarn etwas genauer an. Als sie in sein Gesicht schaute und in die Augen des Mannes, bereute sie ihre Gedanken von gerade eben. Der „unverschämte Kerl“ war in einem sehr weit fortgeschrittenen Alter, das zu schätzen wohl nicht leicht möglich war. Der Kleidung nach ein Fischer; aber auf jeden Fall ein Einheimischer.
„Genießen Sie den Untergang der Sonne?“, sprach er sie an. Der Akzent des Mannes bestätigte Mathilde, dass es sich um einen Einheimischen handelte. Mathilde nickte stumm. „Wir hier auf der Insel sagen, dass sich die Sonne am Abend im Meer von der Last des Tages reinigt, um nach einer wohlverdienten Nachtruhe am Morgen wieder frohgelaunt ihrer Aufgabe zu widmen.“
„Das ist ein schöner Gedanke“, ging es Mathilde durch den Sinn, „der gefällt mir.“
„Sie sitzen da, und wohnen der Schönheit und dem Zauber des Augenblicks bei“, fuhr der Fremde fort, „aber der Glanz und das Leuchten spiegeln sich in ihren Augen nicht wieder. Gefällt ihren Augen nicht, was sie sehen?“
„Doch, doch“, entgegnete Mathilde eilig, "aber ich habe momentan ein kleines Problem, das es mir unmöglich macht, das Geschehnis angemessen wahrzunehmen.“
„Wollen Sie darüber reden?“
„Ich weiß nicht“, stotterte Mathilde sichtlich verlegen, denn sie wollte den Mann nicht brüskieren. „Ich kenne Sie doch gar nicht.“
„Das ist doch wunderbar. Sie erzählen mir Ihre Geschichte und ich höre Ihnen einfach zu. Dann trennen sich unsere Wege wieder, und wir werden uns danach nie wieder sehen. Also, was meinen Sie?“
Mathilde sah dem Mann in seine warmen Augen, und dabei spürte sie, wie sich in ihr ein Zutrauen auftat, wie sie das, schon ewige Zeiten nicht mehr, bei einem Menschen verspürt hatte. Und ohne, dass ihr wirklich bewusst wurde, was sie tat, begann sie dem Fremden zu erzählen. Sie schilderte ihm, dass sie in letzter Zeit immer wieder einmal Freude, Glück, Zufriedenheit und Zuversicht verlegt hatte; sie aber jedes Mal wieder gefunden hatte. Nur heute, als vor ganz kurzem noch, als sie nach der Freude suchte, konnte sie sie nicht finden. Und die anderen Sachen waren ebenfalls verschwunden.
Der aufmerksame Zuhörer hatte Mathilde die ganze Zeit über angesehen, und Mathilde war seinem Blick nicht ausgewichen. Es versetzte sie einiger Maßen in Erstaunen; denn bei jedem anderen hätte sie, nach kurzer Zeit, sicher weg geschaut. Aber jetzt, im Gegenteil; sie fühlte sich wohl in den Augen des Fremden.
Dieser drehte den Kopf in Richtung Meer, dorthin, wo vor einigen Minuten noch die Sonne zu sehen war, und dann erzählte er Mathilde eine Geschichte. Und Mathilde war, als wäre sie wieder ein kleines Mädchen, säße bei der Großmutter, und hörte dieser zu.
„Die Seele ist ein Behältnis, den der liebe Gott den Menschen geschenkt hat, damit diese alle ihre guten Gefühle aufbewahren können. Dazu gehören: Freude, Glück, Verliebtheit, Liebe, Hoffnung, Zufriedenheit, Zuversicht und ähnliches. Außerdem gehören auch dazu: Trauer, Schmerz, Sorge, Mitleid, Hilfsbereitschaft und ähnliches. Dabei gilt es aber zu unterscheiden zwischen flüchtigen und anhaltenden Gefühlen. Flüchtige Gefühle sind in erster Linie die Freude, das Glück und die Verliebtheit. Man will uns Menschen immer den Zustand ständiger Freude, dauerhaften Glücks und ewiger Liebe vermitteln. Das ist aber ein großer Irrtum, oft sogar eine vorsätzliche Lüge. Freude und Glück sind immer nur Augenblicke, mal kürzer - mal länger; aber nie von Dauer. Vielleicht sind sie deshalb auch so kostbar. Sie sind wie ein Schmetterling, der sich kurz niedersetzt, um gleich wider weiter zu fliegen. Und so, wie man einen Schmetterling erdrücken würde, wollte man ihn festhalten, so würden auch Freude und Glück zerstört werden, ließe man sie nicht – nach kurzem Verweilen - weiterziehen, um irgendwann wieder einmal vorbei zu schauen. Und was die Liebe angeht, so ist sie - in ihrer flüchtigen Form - nur eine Liebelei, die irgendwann weiterziehen will. Die wahre Liebe zählt zu den anhaltenden Gefühlen, ebenso wie Trauer, Mitleid, Sorge und Schmerz, wobei die Länge des Andauerns sehr verschieden sein kann. All diese Gefühle liegen – in guter Ausge-wogenheit – in unserem Vorratsbeutel, den uns der liebe Gott geschenkt hat.
Jetzt gibt es aber eine Spezies von Schädlingen, die sich manchmal, still und leise, in unseren Seelen einnistet. Das sind die Kümmerlinge, die Zweiflinge, die Verzagerlinge und die Ohnhoffnunglinge. Diese kleinen Bösewichte fallen über die flüchtigen Gefühle her, die in unserer Seele gerade verweilen, um sie zu zerstören. Und wenn man diese Schädlinge nicht erkennt und bekämpft, dann steht man eines Tages da ohne diese kostbaren Schätze, die uns das Leben so lebenswert machen. Daher ist es ratsam, in gewissen Abständen nach dem Rechten zu sehen, und die Bestände der flüchtigen Gefühle zu überprüfen. Sinnvoll wäre auch die Seele gelegentlich zu desinfizieren. Ich empfehle da Jauchzen und Frohlocken in großer Demut und Dankbarkeit…“
Mathilde war wie gelähmt. Sie hatte die Geschichte gehört mit den Ohren eines Erwachsenen und dem Herzen eines Kindes, und sie hatte sie verstanden. Sie drehte sich um, um dem Fremden für diese schöne Geschichte zu danken; doch dieser war nicht mehr da. Mathilde muss so ergriffen gewesen sein, dass sie das Fortgehen des Mannes mit der schönen Geschichte gar nicht bemerkt hatte. Eigentlich wollte sie sich ja noch bei ihm bedanken; aber nun…
Mathilde beschlich ein irrer Gedanke. Ob das vielleicht die wiedergeborene Großmutter war, die ihr die Augen geöffnet hatte. Aber nein, das ging sich altersmäßig gar nicht aus. Wahrscheinlich war es nur ein alter Grieche, von denen man ja sagt, dass sie mit Weisheit gesegnet sein sollen. Aber dann war es bestimmt ein ganz, ganz alter Grieche…